Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht: das Wegwerf-Plastiksackverbot

Mit einem Meisterstück der Symbolpolitik rettet die Schweiz die Welt wieder einmal vor dem sicheren Untergang. Am 13. Dezember 2012 hat nach dem Nationalrat auch der Ständerat der Motion 10.3850 von Nationalrat Dominique de Buman (CVP/FR) zugestimmt und dadurch den Bundesrat beauftragt, die Abgabe von Wegwerf-Plastiksäcken zu verbieten {Curia Vista 2013}. Dass es sich bei dieser Motion, um Symbolpolitik handelt, zeigt Motionär de Buman selbst, indem er in seiner Begründung anführt:

Auch wenn die Schweiz nicht mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie die Länder des Südens, sollte sie bei der Umsetzung der 3R-Politik (‹reduce, reuse, recycle›, also: vermindern, wiederverwenden, rezyklieren) mit gutem Beispiel vorangehen. […] Es muss ein Zeichen gegen die Ressourcenverschwendung gesetzt werden. – {Curia Vista 2013}

Wir halten also fest: Obwohl in der Schweiz dank dem gut funktionierenden Entsorgungs- und Recyclingsystem bezüglich Wegwerf-Plastiksäcke kein Problemdruck besteht {Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerates 2012}, sollen diese Plastiksäcke verboten werden, damit die betroffenen «Länder des Südens» – ergriffen von der symbolischen Strahlkraft des Schweizer Wegwerf-Plastiksackverbotes – sich ebenfalls dieses Problems1 annehmen und eine mindestens ebenso effiziente Entsorgungs- und Recyclinginfrastruktur aufbauen. Die Absurdität des Vorstosses wird nur noch durch dessen Unverhältnismässigkeit übertroffen da (1) die 3000 Tonnen an Plastiksäcken nur knapp einem halben Prozent des jährlichen Verbrauchs von rund 850.000 Tonnen Kunststoffen in der Schweiz entsprechen, (2) sich durch den Einsatz von soliden, langlebigen Tragtaschen und durch die Wiederverwendung von Kunststoffsäcken lediglich noch einige Hundert Tonnen an Kunststoffen einsparen lassen und (3) die Ökobilanz der als Alternativen in Frage kommenden Säcke sogar noch schlechter ist {Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerates 2012}.

Dank Tyler Cowens {2013} «assorted links» bin ich zudem auf eine Studie von Klick und Wright {2012} gestossen, die auf einen in der politischen Debatte nicht diskutierten Aspekt eingeht. Aus dem Abstract der Studie:

Recently, many jurisdictions have implemented bans or imposed taxes upon plastic grocery bags on environmental grounds. San Francisco County was the first major US jurisdiction to enact such a regulation, implementing a ban in 2007. There is evidence, however, that reusable grocery bags, a common substitute for plastic bags, contain potentially harmful bacteria. We examine emergency room [ER] admissions related to these bacteria in the wake of the San Francisco ban. We find that ER visits spiked when the ban went into effect. Relative to other counties, ER admissions increase by at least one fourth, and deaths exhibit a similar increase. – {Klick und Wright 2012}

In ihrer Studie fassen Klick und Wright {2012} auch die Ergebnisse von Williams et al. {2011} zusammen:

Williams et al. {2011} randomly selected reusable grocery bags from consumers in grocery stores in Arizona and California. They examined the bags, finding coliform bacteria in 51 percent of the bags tested. Coliform bacteria were more prevalent in the California bags, especially those collected in the Los Angeles area. E. coli was found in 8 percent of the bags examined. The study also found that most people did not use separate bags for meats and vegetables. Further, 97 percent of individuals indicated they never washed their reusable grocery bags. Bacteria appeared to grow at a faster rate if the bags were stored in car trunks. This study suggests there may be large risks associated with using reusable grocery bags, though it does imply that fastidiously washing bags can virtually eliminate the risks. However, the survey results suggest that virtually no one washes these bags. This study highlights the risk of cross contamination involved with the use of these bags and the general tendency of their users not to clean them. Thus, it is possible that banning plastic grocery bags can lead to public health problems, as individuals substitute to reusable bags. – {Klick und Wright 2012, 6}

Mit dem Wegwerf-Plastiksackverbot bekämpft der Bundesgesetzgeber ein Scheinproblem mit einer Scheinlösung, die zudem voraussichtlich neue – tatsächliche – Probleme schafft. Aber immerhin zeigt das Plastiksackverbot wieder einmal das Grundproblem der Symbolpolitik: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.

Fussnoten

1 Selbstverständlich ist die Verschmutzung – insbesondere der Weltmeere – durch Plastikabfälle ein brennendes Problem wie etwa der Great Pacific Garbage Patch nachdrücklich zeigt. Nur trägt ein Wegwerf-Plastiksackverbot eines Binnenlandes wie der Schweiz nicht zur signifikanten Reduktion bei. Hätte man sich dieses Problems nicht nur symbolisch annehmen wollen, hätte man den betroffenen Ländern moderne Kehrichtverbrennungsanlagen hinstellen müssen, damit diese die Plastiksäcke nicht mehr auf offenen Deponien entsorgen, von wo sie der Wind in die Gewässer trägt – für die Gewissensberuhigung wären derartige Massnahmen aber wohl zu teuer gewesen.

Quellenverzeichnis

Cowen, T. (2013). Assorted Links. Abgerufen am 8. Januar 2013 von http://marginalrevolution.com/marginalrevolution/2013/01/assorted-links-666.html.

Curia Vista. (2013). 10.3850 – Motion Stopp der Verschmutzung durch Wegwerf-Plastiksäcke. Abgerufen am 8. Januar 2013 von http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20103850.

Klick, J. und Wright, J. D. (2012). Grocery Bag Bans and Foodborne Illness. Abgerufen am 8. Januar 2013 von http://ssrn.com/abstract=2196481.

Kommission für Umwelt Raumplanung und Energie des Ständerates. (2012). 10.3850 – Motion Stopp der Verschmutzung durch Wegwerf-Plastiksäcke: Bericht der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie vom 8. November 2012. Abgerufen am 8. Januar 2013 von http://www.parlament.ch/afs/data/d/bericht/2010/d_bericht_s_k20_0_20103850_0_20121108.htm.

Williams, D. L., Gerba, C. P., Maxwell, S. und Sinclair, R. G. (2011). Assessment of the Potential for Cross-contamination of Food Products by Reusable Shopping Bags. Food Protection Trends, 31(8), S. 508–513 Abgerufen am 8. Januar 2013 von http://www.foodprotection.org/publications/food-protection-trends/article-archive/2011-08assessment-of-the-potential-for-cross-contamination-of-food-products-by-reusable-shopping-bag/.

About these ads

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s