Gehören «Madame Etoile» und «Jeder Rappen zählt» zum Service Public?

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Die neue Markenwelt von SRF {Quelle: SRF}

Der Abschluss des Projekts «Medienkonvergenz und Wirtschaftlichkeit» der SRG SSR am 16. Dezember 2012 führte – erwartungsgemäss – zu erheblicher Kritik an den Umbenennungen der Sender: auf Facebook formierte sich die Gruppe «SRF 3 – wir wollen DRS3 zurück», auf zahlreichen Blogs (z.B. hier und hier), in den Kommentarspalten der Zeitungen (z.B. hier und hier) sowie in ungezählten Tweets (z.B. hier und hier) kritisierten die Zuhörer und Zuschauer die forcierte Konvergenz von Radio und Fernsehen.

Ungleich interessanter als die voraussichtlich ausbleibende Reaktion auf die Kritik am x-ten Rebranding sind die Antworten auf zwei kürzlich eingereichte Eingaben: die Petition zur Absetzung der Horoskop-Sendung «Madame Etoile» und die Beschwerde gegen die Spendenaktionssendung «Jeder Rappen zählt».

«Madame Etoile» als gebührenfinanzierte Scharlataneriepropaganda

In Reaktion auf das von Radio SRF 3 als «Highlight» angepriesene «Jahreshoroskop 2013» twitterte Denis Simonet am 1. Januar 2013:

Kann mal bitte jemand diese gutgläubige Menschen ausnutzenden und verarschenden Abzocker-Eso-Sendungen verbieten?

Am 3. Januar 2013 hat Andreas Kyriacou, Präsident der Zürcher Freidenker, eine Petition gestartet, welche die Absetzung von Monica Kisslings zweiwöchentlicher Horoskop-Sendung «Madame Etoile» fordert.1 In dieser von grossem Medienecho begleiteten und durch zahlreiche Tweets (#esoEktomie) befeuerten Petition kritisiert Kyriacou – zu Recht wie ich meine – die von Frau Kissling präsentierte Sendung als Scharlataneriepropaganda, die nicht mit dem in Art. 93 der Bundesverfassung (BV) i.V.m. Art. 24 Bundesgesetz über Radio und Fernsehen (RTVG) festgehaltenen Programmauftrag zu vereinbaren ist {Kyriacou 2013}; zudem sieht die Petition die Sendung als Schleichwerbung für die private Unternehmung von Frau Kissling (Impuls Beratung Monica Kissling). Aus ordnungspolitischer Sicht ist zudem stossend, dass Frau Kissling durch ihre Sendung durch SRF gebührenfinanziert jene Bekanntheit erhält, die ihrer privaten Firma die Einnahmen garantiert {Feusi 2013}.

Die ordnungspolitische Bedenklichkeit von «Jeder Rappen zählt»

Bereits seit 2010 stört sich Philippe Wampfler an der von den öffentlich-rechtlichen Medien jährlich veranstalteten Sammelaktion «Jeder Rappen zählt» (JRZ) {Wampfler 2010a, 2010b, 2010c}. In seinem ersten Post weist Wampfler {2010a} auf die ordnungspolitische Bedenklichkeit der «Jeder Rappen zählt»-Sammelaktion hin: Durch die permanente Präsenz von JRZ in den öffentlich-rechtlichen Medien und der Berichterstattung in den privaten Medien ist es für private Sammelaktionen schwierig, während JRZ zu Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit zu gelangen – der Werbedruck steigt {Bachmann2012}. Die übermächtige Konkurrenz durch «Jeder Rappen zählt» ist für private Sammelaktionen umso verheerender, als dass JRZ während der besonders ertragreichen Vorweihnachtszeit stattfindet {Wampfler 2012a}. Zudem wird «Jeder Rappen zählt» eine mangelhafte Kosten- und Verteilungstransparenz vorgeworfen {Glaus und Rafi 2011}; darüberhinaus wird der narzisstische Rahmen der Sammelaktion – insbesondere durch öffentlichkeitswirksame Spenden von «Prominenten» und Unternehmen – kritisiert {Wampfler 2012a}.

Am 23. Dezember 2012 schliesslich hat Wampfler {2012a} in einem Post seine Beschwerde an die Ombudsstelle der SRG zusammengefasst. Seiner – überzeugenden – Ansicht zufolge sollte angesichts der generellen Umstrittenheit der staatlichen Medienfinanzierung der Programmauftrag in Art. 93 BV i.V.m. Art. 24 RTVG eng ausgelegt werden. In seiner Beschwerde an die Ombudsstelle hält Wampfler {2012a, 2012b} fest:

  • Erstens entspricht die Aktion und die damit verbundenen Sendungen Wampfler zufolge nicht dem Auftrag von SRF gemäss Art. 93 BV i.V.m. Art. 24 RTVG. Die Hauptfunktion, Spenden für ein Hilfsprojekt zu sammeln ist nicht Aufgabe von SRF. Problematisch erscheint ihm das insbesondere, weil hier ein staatlich finanzierte Akteur mit starker medialer Präsenz Hilfswerke und NGOs konkurrenziert, die in Hilfsprojekten langjährige Erfahrung haben.
  • Zweitens ermöglicht die Sendung Privaten und Unternehmen, sich über Spenden zu profilieren. Dabei handelt es sich in Wampflers Ansicht nach klar um Schleichwerbung und unterschwellige Werbung, die gemäss Art. 10 Abs. 2 RTVG untersagt sind.

Inzwischen wurde Wampfler {2012b} der Eingang der Beschwerde bestätigt, materiell ist aber noch nichts entschieden.

Fussnoten

1 Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass Linus Schöpfer {2012} bereits am 28. Oktober 2012 in einem Artikel des Tages Anzeigers auf die Fragwürdigkeit einer Horoskop-Sendung auf einem öffentlich-rechtlichen Sender hinwies.

Quellenverzeichnis

Bachmann, M. (2012). «Jeder Rappen zählt»: Hilfswerke im Abseits. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://www.marcbachmann.ch/schweizer-hilfswerke-leiden-unter-%E2%80%9Ejeder-rappen-zahlt/.

Feusi, D. (2013). Astrologie: Petition gegen die Sternenwetterfee von SRF 3. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://www.ordnungspolitik.ch/2013/01/04/astrologie-petition-gegen-die-sternenwetterfee-von-srf-3/.

Glaus, D. und Rafi, R. (2011). Es zählt doch nicht jeder Rappen. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://www.sonntagszeitung.ch/nachrichten/artikel-detailseiten/?newsid=200810.

Kyriacou, A. (2013). SRF soll Scharlataneriepropaganda beenden. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://www.activism.com/de_CH/petition/srf-soll-scharlataneriepropaganda-beenden/41559.

Schöpfer, L. (2012). Radio Vollmond. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Radio-Vollmond/story/13163978.

Wampfler, P. (2012b). JRZ: Verlauf der Beschwerde bei der Ombudsstelle. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://philippe-wampfler.com/2012/12/29/jrz-verlauf-der-beschwerde-bei-der-ombudsstelle/.

Wampfler, P. (2012a). JRZ: Beanstandung bei der Ombudsstelle von SRF. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://philippe-wampfler.com/2012/12/23/jrz-beanstandung-bei-der-ombudsstelle-von-srf/.

Wampfler, P. (2010c). Kotzen, motzen, helfen – eine Reprise. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://philippe-wampfler.com/2010/12/23/kotzen-motzen-helfen-eine-reprise/.

Wampfler, P. (2010b). Noch einmal JRZ – «Fundraising» und «Gegenaktion». Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://philippe-wampfler.com/2010/12/14/noch-einmal-jrz-%C2%BBfundraising%C2%AB%C2%A0und-%C2%BBgegenaktion%C2%AB/.

Wampfler, P. (2010a). Die Obszönität des Helfens – Warum «Jeder Rappen zählt» zum Kotzen ist. Abgerufen am 4. Januar 2013 von http://philippe-wampfler.com/2010/12/12/die-obszonitat-des-helfens-warum-%C2%BBjeder-rappen-zahlt%C2%AB-zum-kotzen-ist/.

4 Kommentare zu “Gehören «Madame Etoile» und «Jeder Rappen zählt» zum Service Public?

  1. Im Post vom 5. Januar 2013 berichtete das kritikasterblog über den Start einer Petition zur Absetzung der Horoskop-Sendung «Madame Etoile» und über die Einreichung einer Beanstandung bei der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz betreffend die Sendungen im Rahmen Spendensammlungsaktion «Jeder Rappen zählt». Seither sind einige Wochen ins Land gezogen […]

  2. Urs sagt:

    Kein Wunder, hat die Schweiz die höchsten Fernsehgebühren von ganze Europa: http://schweizblog.ch/?p=7047

  3. Sowohl die Petition gegen «Madame Etoile» als auch die Beanstandung von «Jeder Rappen zählt» haben ihr jeweiliges (Zwischen-)Ziel erreicht. Das kritikasterblog zieht eine zweite Zwischenbilanz.

  4. […] [edit 17.01.2013] Das kritikasterblog erwähnte am 5. Januar 2013 die Petition und stellte die Frage: “Gehören ‘Madame Etoile’ und ‘Jeder Rappen zählt’ zum Service Public?” https://kritikasterblog.wordpress.com/2013/01/05/gehoeren-madame-etoile-und-jeder-rappen-zahlt-zum-se… […]

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